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Ungekürztes Interview unseres Inhabers Friedrich Knapp mit der Textilwirtschaft
Herr Knapp, was halten Sie von den Beschlüssen der Bund-Länder-Konferenz zur Verlängerung des Shutdown?
Gar nichts. Das Gebaren der Politik ist ein einziger Krampf, das haben diese Beschlüsse leider wieder bestätigt. Wir haben schon zweieinhalb Monate hinter uns, jetzt kommt faktisch ein weiterer Monat hinzu, denn in den allermeisten Ländern werden die geforderten Inzidenzwerte angesichts der aktuellen Entwicklung des Infektionsgeschehens vorerst nicht erreicht werden. Das wird kaum ein Unternehmen überleben. Es ist unfassbar, dass Politik und Justiz keine Ahnung davon haben, was sie mit ihren Beschlüssen und Urteilen anrichten.
 
Woran liegt das Ihrer Meinung?
Ich weiß es nicht. Aber sehen Sie sich doch die ganzen Urteile der vergangenen Tage und Wochen an. Wenn selbst Richter sagen, dass doch alles halb so schlimm sei und wir Modehändler doch einfach online verkaufen sollen, dann fällt mir dazu nichts ein. Das ist für die allermeisten Unternehmen schlicht und einfach keine tragfähige Alternative.
 
Wie lautet Ihre Forderung an die Politik?
Ich fordere, dass wir ab sofort unter Einhaltung der Hygienekonzepte aus dem vergangenen Jahr alle Läden wieder öffnen dürfen. Dass das funktioniert, hat der Modehandel bewiesen. Ich nehme die Corona-Pandemie sehr ernst, habe sogar einen Freund aufgrund einer Covid-Erkrankung verloren. Dennoch fordere ich, dass die Läden unter Berücksichtigung von Hygienekonzepten wieder aufmachen. Der Einzelhandel darf nicht Bauernopfer für eine Politik sein, die es vermasselt Impfstoffe zu besorgen, Testkonzepte zu entwickeln oder die Ältesten der Bevölkerung zu schützen. Ich fordere eine bessere Abwägung zwischen Gesundheitsschutz und öffentlichem Leben. 
 
Die ersten Lockerungen reichen Ihnen also nicht?
Nein. Die Politik muss jetzt handeln und für alle, sonst haben wir eine Handelslandschaft in Deutschland, die nie wieder auf die Beine kommt. Wenn das nicht zeitnah passiert, dann müssen wir auf die Straße gehen. Und zwar alle gemeinsam, eine Woche lang alle Städte blockieren an einem Tag, damit jeder aufmerksam wird und versteht, was hier gerade passiert, sonst wird das nichts. Wir können nicht länger zusehen, wie Existenzen vernichtet werden und wir überall gegen Wände laufen. Wir müssen demonstrieren, das ist die einzige Sprache, die die Politik versteht. Auch wir sind Wähler! Die Bauern fahren ja auch mit ihren Treckern nach Berlin, wenn ihnen etwas nicht passt. Ich bin allerdings dafür, dass bei unserem Anliegen jedes Unternehmen dezentral am jeweiligen Standort demonstriert.
 
Was haben Sie also konkret vor, um für Aufmerksamkeit zu sorgen?
Wie ich schon sagte: Wir müssen uns Gehör verschaffen, in dem der Einzelhandel geschlossen auf die Straße geht. Vielleicht findet sich ein Bündnis, dem wir uns ebenso anschließen, um Demonstrationen in verschiedenen Städten zur selben Zeit zu organisieren. Wir wären definitiv dabei und helfen mit. Eigentlich haben wir solche Initiativen von den Handelsverbänden oder der IHK erwartet. Wir erwarten, dass der HDE sich für die Einzelhändler einsetzt und diese Aktion überregional organisiert. Oder gibt es dort schon Verflechtungen, die die Organisation von Protesten in Form von Demonstrationen verhindern? Unserer Meinung nach reicht es nicht, bundesweite Anzeigen zu schalten. Hier müssen sich alle Unternehmen mit ihrem Personal vor Ort einbringen. 
Es gab bzw. gibt ja bereits einige Aktionen von Unternehmen. Warum hat das Ihrer Meinung nach nicht den erhofften Erfolg gebracht?
Das sind zu viele verschiedene Töpfe, in denen gerührt wird. Die Aktionen verlaufen im Sand. Ich halte auch nichts von einer Verfassungsklage, wie sie teilweise angestrengt wird. Bis die durch ist, ist das Jahr vorbei und alle sind pleite.  
 
New Yorker ist sehr international aufgestellt. Welche Erfahrungen machen Sie in anderen Ländern?
Da läuft es meist deutlich besser in allen Bereichen. Österreich, Schweiz, Finnland, Schweden, Polen: Überall sind die Läden wieder offen, obwohl die Werte im Vergleich zu Deutschland teilweise höher sind. Und das RKI hat ja neulich auch bestätigt, dass der Einzelhandel kein Hotspot ist. Das können wir aus unseren Erfahrungen bestätigen. Uns ist kein Fall einer Ansteckung unserer Kollegen in den Filialen bekannt.

Die Beschlüsse sehen aber auch erste Möglichkeiten zur Wiedereröffnung vor. Inwiefern wird New Yorker diese nutzen?
Wir haben am Montag 200 Läden in Deutschland wieder aufgemacht. Je nach Inzidenzwerten mit normalem Zutritt für die Kunden oder mit vorheriger Terminvereinbarung.

Ist denn die Terminvereinbarung mit dem Geschäftsmodell von New Yorker vereinbar? Ist der Aufwand nicht zu hoch für den zu erwartenden Umsatz?
Das größte Problem ist der unüberschaubare Flickenteppich an sich permanent verändernden Verordnungen auf regionaler Ebene. Es herrscht absolute Unsicherheit, an welche Inzidenzwerte man sich zu halten hat. So hat das Land Niedersachsen eigentlich vorgehabt, die Landesinzidenz als Grundlage zu nehmen. Dann könnte z.B. Hannover aufmachen. Dem ist aber stand heute nicht so. Hannover bleibt zu. So wird ein Einkaufstourismus gefördert, der doch eigentlich vermieden werden sollte? Wir stellen auf jeden Fall sicher, dass die Kontaktnachverfolgung bei uns läuft. Da der Einzelhandel aber kein Infektionshotspot war und ist, wird das wahrscheinlich nicht in Anspruch genommen. Außerdem frage ich mich, weshalb z.B. der Lebensmitteleinzelhandel nicht mit demselben Modell belegt wurde und wird? 
 
Wie sehr trifft der Shutdown Ihr eigenes Unternehmen?
Die Corona-Krise hat uns mehrere hundert Millionen Euro Umsatz gekostet. Wir haben mittlerweile gigantische Warenbestände, welche mit jedem Monat Lockdown zu nicht fassbaren Verlusten führen. Wenn jetzt sogar – wie geschehen – Lieferanten aus Bangladesch einen Brief an die Bundeskanzlerin schreiben und um Lockerungen bitten, sieht man, welche weltweiten Auswirkungen der Shutdown auch im Ausland hat. Planungen sind derzeit fast nicht möglich, sodass auch unsere Lieferanten Kapazitäten abbauen müssen und sich dadurch der gesamte Beschaffungsmarkt verändert.
 
Ein Großteil Ihrer Mitarbeiter ist in Kurzarbeit. Stocken Sie das Gehalt auf?
Grundsätzlich ja. Wir gehen dabei flexibel vor. In den unteren Gehaltsgruppen in den Filialen zum Beispiel stocken wir bis zu 100% auf, in höheren Gruppen weniger.
 
Zahlreiche Unternehmen mussten Insolvenz anmelden. Ist das auch eine Option für New Yorker?
Auf keinen Fall, da muss sich niemand Sorgen machen. Wir hingegen machen uns Sorgen um die anderen Händler. Wenn jetzt noch mehr von ihnen aufgeben müssen, dann funktionieren die Innenstädte nicht mehr, und dann sind auch wir bedroht. Hinzukommt, dass im Moment die komplette deutsche Textilindustrie gravierend betroffen ist. Diese werden demnächst massiv an Kunden verlieren, sodass deren Existenz total auf der Kippe steht. In dieser Zeit noch ein Lieferkettengesetzt für den Textilbereich einzubringen, empfinde ich als blanken Hohn. Sowas kann nur funktionieren, wenn in Europa oder weltweit sich alle daran halten und mit einer Sprache gesprochen wird. Dieses ist Sache der Regierung, es direkt mit den Herstellerländern zu vereinbaren und nicht die Schwächsten in der Kette für alles verantwortlich zu machen. Wettbewerb beschränkt sich heute auf die ganze Welt und muss auch so behandelt werden.
 
Inwiefern konnte New Yorker staatliche Hilfen in Anspruch nehmen?
Bis auf Kurzarbeitergeld gab es keinerlei staatliche Hilfen. Äußerst ärgerlich ist auch dieses elendige Hin und Her in Bezug auf die Hilfen für größere Unternehmen mit über 750 Mio. Jahresumsatz. Die wirtschaftliche Inkompetenz der Politik ist erschreckend. Es gibt dort keine Ahnung davon, wie unser Geschäftsmodell funktioniert. Die sagen sich ‚Ach, irgendwann ist der Laden doch wieder auf, dann wird doch alles gut‘. So ist es aber nicht. Die Politik lässt uns alle im Stich. Hier werden Existenzen, die über Generationen aufgebaut wurden, mit einem Schlag vernichtet.
 
Sie sind bekannt als Online-Verweigerer. New Yorker ist einer der wenigen internationalen Modehändler, der keinen Online-Shop betreibt. Haben Sie Ihre Meinung dazu geändert?
Keinesfalls, so doof könnte ich gar nicht sein. E-Commerce im Modehandel bedeutet, dass die Hälfte der Teile zurückkommen. Ich möchte mir nicht mal ansatzweise vorstellen, wie aufwändig es ist, das wieder aufzubereiten. 50% der Retouren - das sagt Ihnen jeder - sind unbrauchbar und kann man nur noch wegschmeißen. Die anderen 50% wird man noch nicht mal mehr zum Einkaufspreis los. Und dann kommen noch die Kosten für Handling und Wiederaufbereitung. Das kann sich nie und nimmer rechnen, und an den sinkenden Margen von zum Beispiel Inditex, H&M und Bestseller lässt sich das ja auch deutlich erkennen. H&M hat mittlerweile so niedrige Margen wie ein Lebensmittelhändler.
 
Warum setzen dann so viele Unternehmen trotzdem auf den Ausbau des Online-Kanals?
Weil sie von Aktionären getrieben werden. Diese glauben, dass im Online-Geschäft die Zukunft liegt. Das sie damit ihr eigenes, stationäres Geschäft zerstören, scheint vielen nicht bewußt zu sein. Für mich ist E-Commerce die Wette auf eine Zukunft, die nie so eintreffen wird. Überall schlummern riesige Mengen an unverkäuflicher Ware, die meisten Bilanzen der Unternehmen halte ich für geschönt. Wenn Online-Händler mal eine richtige Inventur machen würden, dann wäre das Geschäftsmodell nicht mehr zu halten. Davon bin ich überzeugt.
 
Sie bleiben also bewusst und freiwillig zu 100% abhängig von der Öffnung der Läden.
Ja, und deshalb muss jetzt endlich was passieren. Wir müssen jeden Tag auf die Straße, alle an einem Tag, alle bei sich vor Ort. Bis es die Regierung merkt. Wir müssen eine einheitliche nationale Streikwoche organisieren, und zwar sobald wie möglich.