Der gefährlichste Garten der Welt
Die Warnung ist deutlich: „Diese Pflanzen können töten!“, steht auf dem Eingangstor, daneben prangt ein Totenkopf. Der Poison Garden von Alnwick, inmitten der Landschaft von Northumberland im Nordosten Englands gelegen, ist sicher der gefährlichste Garten der Welt.
Warum nur kon­zen­trie­ren sich die Gär­ten der Welt immer nur auf die heil­same Wir­kung von Pflan­zen, statt auf die töd­li­che? Jane Per­cy, die Her­zo­gin von Nor­thum­ber­land, ver­stand das nicht. "Wo es doch die meis­ten Kin­der eher in­ter­es­siert, wie eine Pflanze tö­tet", so wird sie auf der In­ter­netseite des Poi­son Gar­dens zi­tiert, "wie lange es dau­ert, bis man tot ist, nach­dem man sie ge­ges­sen hat. Und wie grau­en­haft und schmerz­voll das Ster­ben wohl ist."
Die Her­zo­gin von Nor­thum­ber­land müs­sen Fra­gen wie diese zu­min­dest bren­nend in­ter­es­siert ha­ben, sonst hätte sie nicht dafür ge­sorgt, dass die neuen Gär­ten von Aln­wick eine ei­gene Gift­ab­tei­lung be­ka­men. Mehr als 100 gif­tige Pflan­zen kann man hier heute be­stau­nen. Etwa die Schwarze Toll­kir­sche, deren Gift das Ner­ven­sys­tem an­greift. Schon eine ge­ringe Menge kann zum Tode füh­ren. Oder Ri­ci­nus com­mu­nis, die Pflan­ze, aus der das töd­li­che Ri­zi­nusöl ge­won­nen wird, das einen Er­wach­se­nen auf sehr grau­same Weise tö­tet: Auf Übel­keit, Er­bre­chen und Krämpfe folgt die Zer­set­zung von Nie­re, Leber und Milz.
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Nur mit Guide durch den Giftgarten
Bei so viel Kil­ler-​Po­ten­tial darf na­tür­lich nie­mand al­lein durch den gif­ti­gen Gar­ten fla­nie­ren, son­dern nur mit einem Guide in der Grup­pe. Das ist nicht nur aus Si­cher­heits­grün­den rat­sam, son­dern schon des­halb, um die Ge­schich­ten der Gift­pflan­zen zu er­fah­ren, die doch meis­tens eher harm­los aus­se­hen. Au­ßer­dem gibt der Füh­rer Ant­wor­ten auf all die oben ge­stell­ten Fra­gen: Wie gif­tig sind die Pflan­zen wirk­lich? Wer ist schon daran ge­stor­ben? Wie lange dau­ert das Lei­den?
Span­nend ist üb­ri­gens auch die Ge­schichte der Gär­ten selbst. Be­reits 1750 wur­den sie an­ge­legt -​ vom ers­ten Her­zog von Nor­thum­ber­land -​ und über die Jahr­hun­derte ge­pflegt und er­wei­tert. Der dritte Her­zog, zum Bei­spiel, war ein pas­sio­nier­ter Pflan­zen­samm­ler. Aus der gan­zen Welt brachte er Samen und Ab­le­ger mit und zog Ana­nas im Treib­haus. Doch im Zwei­ten Welt­krieg wur­den die Beete und Ge­wächs­häu­ser an­der­wei­tig ge­braucht: für Obst und Ge­mü­se, für Früchte und Kräu­ter. Da­nach ver­fiel die An­la­ge. 1950 wur­den die Gär­ten ge­schlos­sen.

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Mit Baumhaus und Bambuslabyrinth
Mitte der 1990er-​Jahre wollte man auf dem Areal der frü­he­ren Gär­ten Park­plätze an­le­gen. Doch die Her­zo­gin Jane Percy hatte an­dere Pläne -​ und mit der Hilfe ihres Man­nes, dem Her­zog von Nor­thum­ber­land, sowie zahl­rei­chen Spen­den und einem Heer von Frei­wil­li­gen ent­stan­den die neuen Gär­ten von Aln­wick, das am­bi­tio­nier­teste Gar­ten­pro­jekt des Ver­ei­nig­ten Kö­nig­rei­ches seit dem Zwei­ten Welt­krieg. Ins­ge­samt 42 Mil­lio­nen Pfund hat die At­trak­tion ge­kos­tet.
 
2001 wurde der erste Teil fei­er­lich er­öff­net. Mit­tel­punkt ist eine ge­wal­tige Kas­ka­de, jede Mi­nute stür­zen hier 33.000 Liter Was­ser die 21 Stau­stu­fen hin­un­ter. Hinzu kamen ein La­by­rinth aus Bam­bus und ein großes Baum­haus mit dem Re­stau­rant. Und na­tür­lich: zahl­rei­che Pflan­zen. Al­lein im Or­na­men­tal Gar­den sind es mehr als 16.000. Im Ro­sen­gar­ten blü­hen 3000 ver­schie­dene Ro­sen­ar­ten, dar­un­ter auch spe­zi­elle Züch­tun­gen wie die dop­pel­köp­fi­ge, pink­far­bene "Aln­wick Ro­se". Der Gift­gar­ten, 2005 er­öff­net, ist im öst­li­chen Teil an­ge­sie­delt.